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Türchen 12: Weihnachtsknigge

Weihnachten das Fest der Liebe. Die ganze Familie sitzt gemütlich zusammen, es riecht nach leckerem Essen und es wird laut gelacht. Onkel Holger erzählt wieder von seinen Reisen, die er dieses Jahr erlebt hat, Opa lacht über seine altbekannten Witze und Tante Helene redet auf mich ein, dass das Studienfach Philosophie nicht gut für mich sei. „Was willst du denn damit später erreichen?“ fragt sie. Meine Nichten spielen währenddessen fangen, eine stolpert über ihre eignen Beine und fällt in den Weihnachtsbaum, das Baby meiner Cousine schreit, Papa flucht „so ein sch*** der Braten ist verbrannt!“ – Stopp! Warum endet das Weihnachtsfest immer in einem Desaster? Das muss doch nicht sein!

Wir haben dir die besten Weihnachtsknigge zusammengestellt, wie du dafür sorgen kannst, dass das Weihnachtsfest auch wirklich das Fest der Liebe wird:

1. Was soll es an Heiligabend zu essen geben?
Nur mit Entsetzen kann man die Kunde quittieren, dass manche Familien den Heiligabend mit Würstchen und Kartoffelsalat begehen. Weihnachten feiert zwar den Geburtstag eines Kindes, es ist aber deswegen noch lange kein Kindergeburtstag; ansonsten könnte man ja auch die Ankunft des Christkindes mit Topfschlagen und Blindekuh-Spielen begehen. Der Sinn des Heiligen Abends besteht nicht darin, es sich möglichst bequem zu machen und die Hände frei zum Geschenke-Auspacken zu haben. Würde und Bedeutung des Anlasses verlangen nach einem großen Menü und gesetztem Essen; es kann alles gar nicht feierlich und umständlich genug sein. Kinder sind zeremoniös! Und die Neigung gehetzter Erwachsener, alles aufs Praktische zu reduzieren und herunterzukühlen, löst bei Kindern keine Erleichterung, sondern nur Enttäuschung aus. Bedeutung muss man inszenieren; keine Erklärung des Weihnachtsgeschehens ersetzt die feierliche Erwartung, die schon das Decken des Tisches mit Damast und bemaltem Porzellan und das Anlegen schönsten Schmucks durch die Mutter auslöst. Ich war niemals wieder so glücklich in meinem Leben wie am Weihnachtsabend, wenn ich meine Mutter prüfenden Blicks vor dem Frisierspiegel sah.

Quelle: Jens Jessen/ Zeit Online/ Weihnachtsknigge

2. Muss man an Ritualen festhalten?
Unbedingt, sonst sind es doch keine Rituale! Rituale müssen von diesem Nimbus des Unveränderlichen umgeben sein, von der Gewissheit, dass allen klar ist, was dazugehört, was aufgebaut werden muss, was als Erstes kommt und was folgen soll. Und sosehr wir das mit dem Festhalten auch versuchen – Rituale verändern sich ständig, beispielsweise, weil Kinder irgendwann nicht mehr glauben, dass das Christkind die Kerzen am Baum angezündet hat und dann unter Zurücklassung einer goldenen Feder durch das offene Fenster entflogen ist. Vor allem, wenn beim Nachbarn der Weihnachtsmann mit dem Rentierschlitten über den Dachfirst fährt und in den Kamin taucht. Manche Familien stabilisieren ihre Rituale, indem sie einen harten Kern mit einer flexiblen Randzone umgeben – das Festmenü wechselt, die Krippe und der Christbaumschmuck sind konstant; es werden Lieder gesungen, aber nicht immer dieselben. Sobald ein Enkel geboren ist, wird die unter den erwachsenen Teilnehmern nicht mehr brauchbare Goldfeder wieder hervorgeholt, und alle freuen sich, dass wieder jemand an das Christkind glaubt.

Quelle: Wolfgang Schmidbauer/ Zeit Online/ Weihnachtsknigge

3. Meine Eltern leben getrennt – mit wem sollte ich Weihnachten feiern? 
Eine schwierige Entscheidung bei geschiedenen Eltern: Bei welchem Elternteil wird Weihnachten gefeiert? In jedem Fall gilt für die Eltern: Diese heikle Entscheidung nicht auf die Kinder abschieben. Die sind meist ohnehin mit der Situation überfordert. Hier müssen sich die Eltern gemeinsam etwas überlegen. Optimal: Ein jährlicher Wechsel. Ein Jahr wird Heiligabend bei der Mutter gefeiert und im nächsten Jahr beim Vater.

Quelle: hna.de/ Weihnachtsknigge

4. Wie beschenke ich Familienmitglieder, die viel mehr verdienen als ich?
Das leider sehr betuliche Wort »Selbstgemachtes« drängt sich auf. Zu warnen ist jedenfalls vor Milchmädchenrechnungen wie: »Dieser Füllfederhalter von Tante Melinda ist 700 Euro wert, die kann ich ja jetzt in das Geschenk für Tante Melinda investieren.« Denn so einen Stift hätte man sich niemals selbst gekauft, verkaufen kann man ihn auch nicht, zum Schreiben ist er viel zu kostbar, weswegen man noch nicht mal die zwei Euro für einen Billigkuli gespart hat. Einziger Ausweg: möglichst liebevoll basteln! Was noch fürs Selbstgemachte spricht: Leute, die sich alles kaufen können, wissen immaterielle Werte besonders zu schätzen. Sagen sie ja jedenfalls immer.

Quelle: Jürgen von Rutenberg/ Zeit Online/ Weihnachtsknigge

5. Muss ich mich über selbst gemachte Geschenke besonders freuen?
Was man nicht alles aus Streichhölzern bauen kann – glaubt man ja nicht: Schach und Mühlespiele, Flugzeuge, ein ganzes Fort aus der Zeit des Wilden Westens, ein Weihnachtsbastler kann alles gebrauchen. Halbe Walnüsse zum Beispiel sind rasch zu Schiffchen umgestaltet, Tannenzapfen in Wichtelmännchen umgewidmet. So süß. Sind die Kinder dafür noch zu klein, malen sie halt ein Bild und noch ein Bild oder stanzen ihre Gemälde in Stanniol. Nichts zu erkennen, aber von Kinderhand. Dazu Strohsterne, mühsam fixiert, Feen und Hexen, bemalte Steine zum Beschweren von Briefen, dass sich der Schreibtisch biegt. Stapelweise Gutscheine für dreimal Rasenmähen, zweimal Autowaschen und »einmahl Zimma aufroimen!«. Die selbst gemachte Marmelade zum Beispiel. Quitten! Ausgerechnet. Was haben wir uns gefreut. Also, selbst gemachte Geschenke sind etwas Wunderbares. So viele Erinnerungen an Zeiten, die garantiert ja auch nicht wiederkommen. All die gekaufte Geschenke können da nicht mithalten. Obwohl.

Quelle: Hanns-Bruno Kammertöns, Verantwortlicher Redakteur Reportage der ZEIT/ Weihnachtsknigge

6. Tischregeln
Tante und Enkelkinder können nicht gut miteinander? Dann sollten sie auf keinen Fall an der Festtagstafel zusammensitzen. Sollten trotz getrennter Sitzplätze Reizthemen aufkommen: Schnell und unverfänglich das Thema wechseln. Was sich dabei in diesem Jahr garantiert anbietet: Der fehlende Schnee zu Weihnachten.

Quelle: hna.de /Weihnachtsknigge

7. Darf ich in die Christmette gehen, obwohl sie mir nichts bedeutet – allein um die Feierlichkeit zu steigern?
Jeder Mensch ist jeden Sonntag herzlich zu jedem Gottesdienst im Land willkommen. Niemand fragt an der Kirchentür nach Mitgliedschaft oder Motivation. Niemand muss befürchten, befragt, vorgestellt oder aufgerufen werden. Das ist auch am Heiligen Abend so. Ich habe mich immer gefreut über die vielen Menschen, die kommen. Sie zeigen, dass sie noch wissen: Wir feiern kein Winterwohlfühlfest, sondern erinnern an die Geburt des ganz besonderen Kindes, von dem Christen glauben, dass es Gottes Sohn ist. Einmal saß neben mir auf dem Fußboden im völlig überfüllten Altarraum ein Junge. Als die Lektorin die Weihnachtsgeschichte des Lukas zu lesen begann, stöhnte er hörbar auf: »O Mann, die Story kenne ich schon!« Ich habe ihm gesagt: »Gut, dass du sie kennst! Du wirst sie in deinem Leben immer wieder hören, mit deinen Eltern, vielleicht allein, vielleicht mit deiner Frau, als Vater oder wenn du alt bist. Sie wird dich begleiten und immer neu klingen.« Und so freue ich mich, wenn diese Geschichte und diese Rituale Menschen in unserem Land begleiten. Sie mögen mal mehr bedeuten, mal weniger, mal im Glauben gehört werden, mal im Zweifel oder mit Abstand. Aber sie beheimaten. Sie rühren auch diejenigen an, die vielleicht nur »die Feierlichkeit steigern« wollen. Zumindest wissen sie, was wir feiern an Weihnachten. Insofern: Herzlich willkommen zum Gottesdienst! 

Quelle: Margot Käßmann, evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin, von 2009 bis 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland/ Zeit Online/ Weihnachtsknigge